Festivalvideo

Saint Ghetto
Ein Musikfestival der Dampfzentrale Bern

Die 68-jährige Kunstfigur und Chanseuse Brigitte Fontaine trifft auf den blutjungen Greis, der ein exklusives Konzert mit französischsprachigen Liedern vorträgt. Einer der Urväter der elektronischen Musik, der 81-jährige Pierre Henry, zeigt am Donnerstag auf, dass Bands wie Nôze, die am Samstag im Rahmen des «Moustache» auftreten, ohne ihn nicht existieren würden. Die 66-jährige New Wave-Diva Hermine ebnet den Weg für ein rein frankophones Konzert des jungen Schweizer Songwriters Polar. Und das Klavierduo Huber/Thomet, sonst in der streng komponierten Neuen Musik zuhause, wagt sich an das Schaffen des verruchten Pop-Chansonniers Serge Gainsbourg. SAINT GHETTO wagt, verwirrt, vereinigt und feiert. Seid dabei, venez!Wir freuen uns, dem Berner Publikum das Musikfestival «Saint Ghetto» zu präsentieren. Mit diesem zugleich unterhaltsamen und ernsthaften Festival stellen wir die Geschichte der französischen Musik nach dem Zweiten Weltkrieg in einen aktuellen Kontext. Das legendäre Pariser Quartier «Saint-Germain-des-Prés» ist die Referenz – diese Zone links der Seine war der «Melting Pot» der experimentellsten und radikalsten europäischen Avantgarde der unmittelbaren Nachkriegszeit. Hier schrieben Sartre und de Beauvoir gegen die Versklavung des Menschen an, hier mixte Boris Vian amerikanischen Jazz mit Pariser Java, ging der französische Experimentalfilm mit amerikanischen Pin-up Girls betrunken heftige Mésalliancen ein. Hier wurde das Grenz- und Fremdgängertum der 68er Bewegung von den jungen Mitgliedern der Lettristischen und Situationistischen Internationalen erfunden und zur Blüte getrieben, lange bevor die breiten Massen zwischen Nanterre, Berlin und Bern angesteckt wurden. Hier wurde auf der Asche Dadas und des Surrealismus das Prinzip Underground erfunden – mit all seinen Facetten zwischen Musik, Drogen, Tanz, Malerei, Film und Politik und damit schon 1950 die Zündschnur der Punk-Kultur gelegt. Hier wurde das kulturelle Crossover ebenso praktiziert wie die freie Promiskuität des Fleisches.Heute, in der Zeit der Abrechnung mit der 68er Generation, ist es auch an der Zeit, ihre Ursprünge nachzuverfolgen und die Gnade des Moments auszunützen, dass es mit Pierre Henry und Brigitte Fontaine immer noch Künstler?Innen der ersten Stunde gibt, deren jugendlich unbefleckte Schönheit sich mit sechzig, respektive achtzig Jahren täglich weiter entfaltet. Als Mittelsmann in die Gegenwart dient Malcom McLaren, Manager der Sex Pistols und Stiefvater des Punk, der mit seiner Platte «Paris» die Rolle, die diese Stadt für die Avantgarden des 20. Jahrhunderts gespielt hat, melancholisch Revue passieren lässt. Und schliesslich sollen die neuen Bewohner des imaginären «Saint Ghetto» ihre Stimmen erheben und von ihren Streifzügen durch die Banlieues des 21. Jahrhunderts singen. Sie sind Malcolms Cousinen, Brigittes Enkelinnen und Pierres Enkel und bestens vertraut mit den Strategien der boomenden Retrokultur im 21. Jahrhundert. Alle diese «enfants perdus» und «enragés» stehen für drei Generationen fruchtbaren Fremdgehens radikaler und unerbittlich schöner Kreativität.Für «Saint Ghetto» werden Pop- und Avantgardekultur gleichberechtigt nebeneinander gesetzt: von Neuer Musik über Nouvelle Chanson bis hin zu aktueller DJ-Party-Modekultur. Das Zusammentreffen von französischen und schweizerischen MusikerInnen rückt die Brückenfunktion der Stadt Bern über den Röschtigraben ins Zentrum.Wir wünschen viel Vergnügen und bon voyage!Christian Pauli

Mi 19
Nov
20:00 Musik

Pierre Henry (F) «Grande Toccata» (2007), «Histoire naturelle ou les roues de la terre« (1997)

Do 20
Nov
20:00 Musik

klavierduo huber/thomet

«…de messiaen à gainsbourg…»

Fr 21
Nov
21:00 Musik

Polar / Hermine (F). Vorher im Foyer: Lapin Machin (F). Danach: DJ Thomas Bohnet

Sa 22
Nov
22:00 Musik

Moustache: Nôze (F) / Larytta / Round Table Knights

So 23
Nov
20:00 Musik

Brigitte Fontaine (F) / Greis