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White Horse (D): «Groupies» & Rahel Neuenschwander: «Gfaue» – Ein Stück Sehnsucht (Kurzstück)

«Groupies»

Das Performance-Kollektiv White Horse mit Julia Jadkowski, Lea Martini und Chris Leuenberger begeisterte das Berner Publi­kum schon vor zwei Jahren: Mit ihrem abendfüllenden Debutstück «Trip» zeigten die drei PerformerInnen in schweisstreibender Intensität eine unbehaglich groteske Arbeit über heroische Posen und aufgeblasene Heldentum-Figuren, über pathosge­ladene Revolutions- und Kampfesgesten. Mit offenem Mund, aufgerissenen Augen und verzerrten Grimassen machten die PerformerInnen heroische Figuren zu Karikaturen. In «Romance» hingegen gingen die drei KünstlerInnen dem Zustand des Verliebt-Seins auf den Grund und zeigten ein Stück über Liebe, Romantik, Kitsch und Kuschelrock. Nun kommt das Kollektiv mit einer grösseren Besetzung nach Bern und präsentiert seine neue Produktion «Groupies», die den Zusammenhang zwischen religiösen Ritualen und der Bewegung untersucht.

Glaube findet im Körper statt: ob Rosenkranzgebet und Bekreuzigung, rhythmisches Wippen vor der Klagemauer, genaue Abfolge des Salah-Gebets oder beim balinesischen Kecak-Tanz – weder eine Weltreligion noch exotische Schamanen- und Ritualtänze kommen ohne Bewegung aus. Abseits von Ideologie und religiösen Diskursen befragt das Performance-Kollektiv White Horse in ihrer dritten Produktion die Choreografie von Gebeten weltweit. Was ergibt sich aus einer rein körperlichen Praxis des Betens? Welche für uns noch ungeahnten Glaubensbekenntnisse lassen sich im Körper finden? Erzeugen die Handlungen ohne religiösen Bezug eine Gemeinschaft? Auf der Bühne werden die sieben PerformerInnen zu Groupies gemeinsamer Hingabe, springen in die Körper der Glaubensrichtungen und erzeugen ihr ganz eigenes Ritual.

Im Jahr 2007 wurde das Performance-Kollek­tiv in Amsterdam von Christoph Leuen­berger, Lea Martini und Julia Jadkowski während der Arbeit an dem namensgebenden Duett «White Horse – an attempt at live therapy» gegründet. «Groupies» ist die erste Choreografie, in der White Horse die kollaborative Arbeitsform in einem grösseren Ensemble weiterführt. Aktuelles Ziel des Kollektivs ist es, sich gesellschaftlichen Phänomenen und ihren daraus hervorgehenden Fragestellungen performativ und körperlich anzunähern. Indem das totale Mitem­pfinden des Publikums herausgefordert wird, soll darüber hinaus eine thematische Aus­einandersetzung auf der Ebene einer persönlichen Erfahrung stimuliert werden. 


 

www.whitehorsecollective.wordpress.com

«Gfaue»

«Wenn der Handelnde eine Tat vollbringt, trennt er sich von dem, was getan wurde, anstatt nur einer zu bleiben. Auf diese Weise kommt die Dualität ins Spiel.» Sant Baljit Singh

Im Raum befindet sich ein Gefäss mit Farbe. Die Tänzerin färbt ihren Körper damit ein. Die Wand und der Boden sind mit weis­ser Leinwand ausgekleidet. Auf der Leinwand wird der Tanz Spuren, Ornamente, Striemen und Abdrücke hinterlassen. Sagen diese etwas über den Tanz aus? Welche kompositorischen Möglichkeiten ergeben sich aus dem Element des sich Anmalens und des Bemalens des Bodens und der Wand durch den tanzenden Körper? Die Tänzerin erlebt sich sinnlich, lustvoll, erfährt sich schöpferisch.

Im zehnminütigen Kurzstück «Gfaue» be­schäftigt sich die Berner Tänzerin und Choreografin Rahel Maria Neuenschwander mit der Schöpferkraft, der kreativen Kraft an sich. Sie verweist auf die Diskrepanz zwischen der Sehnsucht nach der transzendenten Schöpferkraft und der Suche nach dem individuellen schöpferischen Ich. Die Figur lebt auf zwei Ebenen. Zum einen ist sie bewusst eins mit ihrer Schöpfung, ihre Kreation ist ihr innewohnend, sie ist ruhig weil sie das Leben aus einer höheren geistigen Perspektive sieht. Zum anderen ist sie Mensch, sehnsuchtsvoll, nicht bewusst über ihr Sein in der Schöpfung und als Schöpferin. Inspiriert wurde Rahel Maria Neuenschwander durch einen Text von Sant Baljit Singh, einem indischen Heiligen.

«Die Beziehung, die zwischen einem Tänzer und seinem Tanz besteht, gleicht der Beziehung zwischen dem Schöpfer und seiner Schöpfung. Der Schöpfer, der alles durchdringt, hat dieselbe Beziehung zu seinem Tun. Wenn der Tänzer tanzt, ist dann der Tanz vom Tänzer getrennt? Der Tanz dauert solange der Tänzer tanzt. Falls der Künst­ler weggeht, wird er den Tanz beim Publikum zurücklassen? Wenn der Tänzer während der Aufführung eine Pause einlegt, geht dann sein Tanz weiter? (…) Wir könnten sagen, dass der Schöpfer die kreative Kraft ist.» Sant Baljit Singh

Rahel Maria Neuenschwander tanzt schon seit ihrer Kindheit leidenschaftlich. Sie absolvierte ihre Ausbildung zur Bühnentän­zerin bei DanceworksBerlin und an der Etage in Berlin, wofür sie ein Stipendium des Kantons Bern erhielt. Sie tanzte für Silvia Ventura, Lara Martinelli, Doris Hintsteiner und Willi Dorner in Berlin, Wien und Basel. Seit einem Jahr lebt sie in Bern. 

 

www.rahelmaria.free-artists.net

 

«Groupies»

Performance, Choreografie: Daniel Almgren-Recén, Dennis Deter, Xavier Fontaine, Julia Jadkowski, Chris Leuenberger, Lea Martini, Maria Mavridou. Inszenierung: Julia Jadkowski, Lea Martini. Dramaturgische Mitarbeit: Frédéric Gies. Sound: Coordt Linke. Kostümbild: Marie Gertsenberger, Malena Modéer. Lichtdesign: Benjamin Schälike. Produktionsleitung: Björn Frers – björn & björn. Eine Produktion von White Horse in Koproduktion mit dem Hebbel am Ufer Berlin und der Dampfzentrale Bern. Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds. Unterstützung Produktion: Festival Uni­versitario de Danza – Bogota und Taller de Danza y Creación Casarrodante – Montevideo.

«Gfaue»

Idee, Konzept, Tanz, Choreografie: Rahel Maria Neuenschwander. Dramaturgie, Choreografie: Silvia Ventura. Lichtgestaltung: Daniel Tschanz. Licht: Thomas Kohler. Fotografie: Fabian Unternährer. Dank an: Daria Gusberti, Bidu Ryser, Simone Nyffeler, Selina Senti, Margrit Lehner, Meitta Gallusser, Reto Eggermann, Orpheo Deubelbeiss, Shivani Shankar Chakrabothi. Unterstützung Gastspiel: Stadt Langenthal, Burgergemeinde Bern.