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Sebastian Matthias: «wallen» & lurelure / Marion Allon & Julian Sartorius (live): «Turbulence»

«wallen»


Der Choreograf Sebastian Matthias wurde kürzlich von der Zeitschrift Tanz als «Hoffnungsträger der Choreografie» bezeichnet. In der vergangenen Spielzeit entwickelte er auf Kampnagel im Rahmen seiner K3-Residenz die Arbeit «Tremor», welches 2011 im Rahmen des HEIMPSPIEL Festivals in der Dampfzentrale Bern und 2012 an der Tanzplattform Deutschland präsentiert wurde. Es folgte das Cage-Projekt «Dezett» in Zusammenarbeit mit dem Ensemble Resonanz. Seine künstlerische Herangehensweise zeichnet sich durch die komplexe Recherche der Bedeutung und Materialität von Bewegung aus. In «wallen» untersucht Sebastian Matthias Bewegungen, in denen sich Emotionen manifestieren. Das wogende Wasser oder Gras übertragen auf das wallende Blut der Verärgerung. In seiner choreografischen Analyse lässt sich «wallen» sowohl mit dem fein abgestimmten Kontrahieren der Muskeln als auch mit choreografischen Improvisationsstrukturen in Verbindung bringen. Je weiter die Analyse fortgetrieben wird, desto unsicherer werden die Grenzen zwischen Affekten und dem kulturell bestimmten Gehalt ihrer Gesten.

 

Das Verb wallen überträgt Bewegungen wogenden Wassers oder Grases auf emotionale Regungen. In Sebastian Matthias’ neuer Produktion lässt sich wallen sowohl mit dem fein abgestimmten Kontrahieren der Muskeln als auch mit Improvisationsstrukturen in Verbindung bringen. Doch wie liesse sich die scheinbar essentielle Verbindung von kulturellen Manifestationen wie Schluchzen oder Gesten der Verärgerung mit dem phänomenalen Gehalt ihres Erlebens hinterfragen? Sebastian Matthias analysiert zusammen mit seinen TänzerInnen Bewegungen, in denen sich Emotionen manifestieren, trennt diese Verbindung und überführt sie in abstrakte choreografische Intensitäten. Je weiter die Analyse fortgetrieben wird, desto unsicherer werden die Grenzen zwischen den zunächst so eindeutigen Konzepten emotionaler Regungen. Doch wie verändert sich in dieser fortschreitenden Abstraktion deren Erlebnis?

 

Die Choreografie entspinnt sich, indem die TänzerInnen ein Gelände ineinander übergehender Intensitäten durchwandern. Jassem Hindi kreiert hierzu eine elektro-akustische Installation, die sich als eigenständiger weiterer Körper den von den TänzerInnen generierten Raum erschliesst. So entsteht ein delikates Wallen von Körper zu Körper, und für die ZuschauerInnen, in einer Topographie aus Drehstühlen, wird ein Spektrum unbekannter Vermischungen erfahrbar.

 

 

«Turbulence»

 

Die Grundidee zu «Turbulence» entstand ausgehend vom Kurzfilm «Tango»(1981) des polnischen Experimental-Filmemachers Zbigniew Rybczyski, in dem sich 8 Minuten lang verschiedene Szenen – gespielt von 36 Charakteren – in einem Raum unabhängig voneinander und doch miteinander verbunden abspielen, wiederholen und kumulieren. Dieses Grundmuster der Wiederholung nimmt Marion Allon in ihrem Stück auf und setzt es in neue Formen um. Dabei interessiert sich die Choreografin nicht nur für die Wiederholung – sondern auch für deren Weiterentwicklung und plötzliche Veränderung. Dieses Projekt realisiert Marion Allon gemeinsam mit Berns gefragtestem Schlagzeuger Julian Sartorius, der live auf der Bühne steht.

 

Ein Mann rennt unaufhörlich im Kreis. Eine Stirnlampe zeigt ihm den Weg im Dunkeln. Nur knapp sind die Umrisse einer möglichen Landschaft zu erkennen. Vier weitere Figuren bewegen sich in einem geschlossenen Kreislauf, jeder für sich, versunken in der Wiederholung der eigenen Handlung. Aus scheinbar alltäglichen Lebensumständen entsteht eine vermeintliche Normalität. Die anfängliche Situation von totaler Isolation ergibt eine Gesamtheit. In den repetitiven Zeichenfluss kommen alsbald Brüche, Unerwartetes geschieht. Störungen treten auf. Änderungen im physischen Raum, fehlgeschlagene Versuche, unerfüllte Wünsche und die Zerstörung von eben Aufgebautem bringen die Figuren von ihrer Bahn ab. Alltägliches kippt in Absurdes. Die Intensität der eigenen Anstrengung und das Aufeinandertreffen mit den anderen stellen ihren Durchhaltewillen auf die Probe. Sie sind gezwungen umzudenken und sich den neuen Umständen anzupassen. Doch wann ist die Limite erreicht?

 

 

Sebastian Matthias: Konzept, Choreografie: Sebastian Matthias mit Jan Burkhardt, Lisanne Goodhue, Deborah Hofstetter und Isaac Spencer. Tanz: Jan Burkhardt, Lisanne Goodhue, Deborah Hofstetter und Isaac Spencer. Sound: Jassem Hindi. Technische Leitung: Arne Schnitt. Kostüme: Nina Irina Witkiewicz. Licht und Bühne: Tanja Rühl. Dramaturgie: Katarina Kleinschmidt, Marcus Dross. Regieassistenz: Jannikhe Möller. Fotos: Arne Schnitt. Produktionsleitung. ehrliche arbeit – freies Kulturbüro. Eine Produktion von Sebastian Matthias, in Koproduktion mit Kampnagel Hamburg, Sophiensaele Berlin und der Dampfzentrale Bern. Gefördert durch die Kulturbehörde Hamburg, den Regierenden Bürgermeister von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten und die Rudolf Augstein Stiftung. Mit freundlicher Unterstützung von den Uferstudios Berlin.

 

lurelure / Marion Allon & Julian Sartorius: Konzept, Künstlerische Leitung: lurelure / Marion Allon. Choreografie: Marion Allon in Zusammenarbeit mit den TänzerInnen. Tanz: Emeline Pubert, Anne Palomeres, Nans Martin, Mischa Goldberg, Jonas Christen. Musik (live): Julian Sartorius. Kostüme: Ioanna Tsami. Bühnenbild: Vera Locher, Annina Zünd. Licht: hellblau. Dramaturgische Beratung: Simona Travaglianti. Oeil extérieur: Christos Strinopoulos. Videodokumentation: Sandra Hebler. Fotos: Christian Glaus. Grafik: Maia Gusberti. PR & Medien: Dominique Cardito. Administration: Marion Allon, Mai Ishiwata. Produktion: lurelure. Unterstützung Produktion: Erziehungsdirektion des Kantons Bern, KulturStadtBern, Stadt Thun, SSA – Schweizerische Autorengesellschaft, SIS – Schweizerische Interpretenstiftung, Ernst Göhner Stiftung, Migros-Kulturprozent, Burgergemeinde Bern, BEKB.