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NO99 (EST): «Kuidas seletada pilte surnud jänesele» oder «Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt»
Aufführung in estnischer Sprache mit dt. Übertitelung. Publikumsgespräch Di, 18. Mai im Anschluss an die Vorstellung. Spieldauer: 2h30min (ohne Pause)

Beuys stand für den Titel Pate, 1965 hatte er ihn für seine Kölner Aktion des Kunsterklärens formuliert: Er sass in einer Galerieecke am Eingang, das Publikum hatte er ausgesperrt, nur durch ein Schaufenster konnten sie den Vorgang betrachten. Seinen Kopf mit Honig übergossen und Blattgold beklebt, den toten Hasen im Arm, ging er durch die Ausstellung, von Objekt zu Objekt, offenbar im Zwiegespräch mit dem Tier. Nach drei Stunden wurde das Publikum hereingelassen. Beuys sass wieder auf seinem Hocker, den Hasen auf dem Arm, den Rücken zum Publikum. 34 Jahre später, Tallinn, das Theater NO99: «Beuys» sitzt zu Beginn der Aufführung in einer Bühnenecke, ein vergessenes, unbeachtetes Fossil, ohne Hase. Der sitzt in Menschengrösse auf dem Sofa und schaut verständnislos dem performativen Treiben der Spieler zu, bevor er es vorzieht zu verschwinden. Keine Frage, es geht um Rezeption. Um Kunst machen und wie das rüberkommt, um Theatermacher und ihr Publikum. Die Protagonisten in diesem Stück: Schauspieler, die Schauspieler spielen. Und dazu spielen sie alle denkbaren Typen aus weniger kulturaffinen Kreisen, die sie mit Ignoranz oder Verachtung strafen. Wie kann man seine künstlerische Intention so umsetzen, dass sie verstanden wird? Wann erreicht eine Aufführung ausser der Insidergemeinde auch Nicht-Experten? Bleibt das pure Onanie, wenn das Publikum den Act nicht spannt? Und wie soll man überhaupt Theater machen, wenn man nicht honoriert wird? Dass die estnische Kulturministerin Hase heisst (estnisch: Jänes), dafür kann NO99 nichts, und von einer absichtsvollen Verbindung zum Stücktitel weiss NO99 nichts! Die Kulturbeamtin auf der Bühne, Kreativität auf den Lippen, die Sparschere in der Tasche, beschwört Kunst und Kultur als Garant für Estlands Zukunft. Doch in krisengeschüttelten Zeiten muss als erstes an der Kunst, die sich nobel als zweckfrei versteht, gespart werden, denn der Zweck heiligt die Mittel. Also: wo kein Zweck, da keine Mittel.Irgendwann machen sie einfach mal die «vierte Wand» zu, um sich in die Haare zu kriegen, ob jeder ein Künstler ist oder eben nicht, wann eine Improvisation echt ist und wie man das zu zehnt zusammen auf der Bühne hinkriegt, wenn möglich auch noch wiederholbar.Seit ihrer Produktion «Nafta!» wird NO99 aus Tallinn an Festivals in ganz Europa eingeladen. Bei AUAWIRLEBEN waren sie 2007 mit «Nafta!» und 2008 mit «HEM – Heisse estnische Männer» zu sehen. Die Truppe schafft formal vielfältige Ensemblekreationen, manchmal auf einem Roman oder einem Stücktext basierend, oft aber ohne schriftliche Vorlage.