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Michel Schweizer/ La Coma (F): «Fauves»

DZehn junge Leute zwischen 18 und 20 Jahren fragen nach dem, was sie prägt. Michel Schweizers neue Produktion «Fauves» sollte so etwas wie eine Musikkomödie mit jugendlichen Amateur-Sängern und Amateur-Tänzern werden und ist eine biografische Theater-Collage geworden aus ihrer Lebensgeschichten, ihren Gedanken und ihren Visionen in einer zunehmend brüchigen Welt. Am letzten Tag des Monats März 2010 glich das Théâtre national de Bordeaux en Aquitaine einem Ameisenhaufen. Von weit her waren Jugendliche zusammen gekommen, um beim Casting für Michel Schweizers neue Produktion ihr Glück zu versuchen. Sie konnten tanzen und sie konnten singen. Sie kamen mit Michael Jacksons Moonwalk in den Füssen, mit Jennifer Beals Flashdance im Körper oder gestählt in Kampfkunst à la «Ninja Assassin». Doch das allein reichte dem französischen Choreografen nicht. In tagelangem Casting in Bordeaux und später auch in Paris suchte er aus rund 200 Anwärterinnen und Anwärtern nach jenem einzigartigen Talent, das die Produktion «Fauves» würde tragen können: Die jungen Leute sollten leidenschaftliche Amateure in einer Kunstform sein und die Fähigkeit haben, ihren Platz in der Welt zu situieren; überdies hinaus mussten sie sich und ihre Kunst in ein Arbeitskollektiv eingliedern können. Also wurden sie auch über ihre Ansichten zu Kreativität und Kunst befragt. Mit den ausgewählten Jugendlichen zogen sich Michel Schweizer und seine Mitarbeiter schliesslich einen Monat lang in eine abgeschlossene Residenz zurück, zum Arbeiten und zum gemeinsamen Leben. Die Ironie an der Geschichte: Während des Auswahlverfahrens und der Arbeitszeit, wie auch auf der Bühne sehen sich die Jugendlichen zwei Männern in den Fünfzigern gegenüber – Michel Schweizer und seinem DJ Gianfranco Poddighe. Er habe festgestellt, sagte der Choreograf in einem Interview, dass die Jugendlichen sich eher mit der Idee des Flux, der konstanten Veränderung verbinden. Das habe ihn interessiert.Wie alle Shows von Michel Schweizer fragt «Fauves» nach der Professionalisierung der künstlerischen Erfahrung und nach der Aneignung des Werks durch die Künstler. Indem es das fragt, hinterfragt es auch die Position der Zuschauenden. Michel Schweizer glaubt, dass das Stück im Zuschauer weiter wächst: Bei den älteren wecke es Erinnerungen an die eigene Jugend und an die Eltern, die sie geworden sind; den jüngeren halte es einen Spiegel vor, der zum Nachdenken über die eigene Lebenssituation anregen kann. Michel Schweizer besuchte das Conservatoire d’Art Dramatique de Bordeaux und studierte an der Ecole des Beaux Arts in Bordeaux. In den achtziger Jahren experimentierte er mit Verbindungen von zeitgenössischem Tanz und bildender Kunst. 1995 gründete er zusammen mit Sèverine Garat La Coma, der er später den ironisch zu verstehenden Zusatztitel Centre de Profit verlieh. Die in Aquitaine beheimatete Gruppe pflegt eine Vielzahl künstlerischer Praktiken und will dabei den Begriff Profit neu definieren. Insofern sieht Michel Schweizer seine Arbeit auch als politischen Widerstand in einem Klima des sozialen Zerfalls. Gemeinhin wird er als Choreograf angeschaut, aber er lässt sich nicht einfach einordnen. In seinen Arbeiten verbindet sich Theater mit zeitgenössischer Kunst und so genannt kommerziellem Theater, nach dem Motto: kulturelle Institutionen und Werke sind eine Frage des Geschäfts. Er arbeitet nicht mit professionellen Bühnenkünstlern, dafür auch mal mit professionellen Boxern, Psychoanalytikern und Hundetrainern samt Hunden. FDix adolescents sur le plateau, ils sont chanteurs ou danseurs amateurs : un instantané de la jeunesse en dix singularités. Ce sont les «Fauves» de Michel Schweizer, artiste inclassable, proche de l’art chorégraphique, mais aussi du théâtre et des arts visuels. Un spectacle fait d’eux, de leurs paroles, de leurs attitudes, de leur image du monde. Un moment tout en sensibilité, en engagement et en fragilité qui parle de mutations culturelles et de conduites sociales. De l’infini aller-retour entre l’individu et le groupe pour aller à la rencontre du «monde». Voici une chorégraphie politique sur le corps en devenir.ETen teenagers are on stage. They are amateur singers and dancers: a snapshot of youth in ten different guises. They are the “Fauves” brought together by Michel Schweizer, an unclassifiable artist, who applies himself to choreography, but also to theatre and the visual arts. They themselves are the show, what they say, their attitudes, their vision of the world. The sensitivity, commitment and fragility on display speak of cultural changes and social behaviour, and of the endless comings and goings between individual and group that are involved in taking on the “world”. A political choreography that tackles the evolving body.