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Heiner Goebbels: «Stifters Dinge»

«Stifters Dinge» (2007) ist ein Klavierstück für fünf Klaviere ohne Pianisten, ein Theaterstück ohne Schauspieler, eine Performance ohne Performer – eine no-manshow. Im Zentrum von Heiner Goebbels Werk (*1952) steht die Aufmerksamkeit jenen Dingen gegenüber, die im Theater oft als Dekor oder Requisit eine nur illustrative Rolle spielen, hier aber die Protagonisten sind: das Licht, die Bilder, die Geräusche, die Töne, die Stimmen, Wind und Nebel, Wasser und Eis. Der Titel verweist auf Adalbert Stifter, ein Romantiker der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bei dem der Eindruck biedermeierlicher Behaglichkeit täuscht. Wenn in den oft als langweilig empfundenen Passagen seiner Naturbeschreibungen die Handlung zurücktritt, so geschieht das aus Respekt gegenüber den Dingen: sie fordern vom Leser die Zeit, die ihre detaillierte Wahrnehmung notwendig macht. Die Dinge und Materialien erzählen selbst, die Personen sind oft nur eingefügt und nicht souveräne Subjekte ihrer Geschichte. Mit Elementen von bewusster Entschleunigung und ritualisierter Wiederholung wird bei Stifter eine radikale Modernität sichtbar. «Stifters Dinge» knüpft an dieser Haltung an, ohne sich direkt als Inszenierung seiner Erzählungen oder der von ihm beschriebenen Gegenstände zu verstehen. Die performative Installation versteht die Texte des Dichters als Herausforderung für eine Begegnung mit dem Fremden und mit den Kräften, derer wir nicht «Herr sind». Es ist ein Plädoyer für die Bereitschaft, fremde Kriterien und Urteile als Instanz zu akzeptieren, und zwar in der Begegnung mit uns unbekannten kulturellen Ordnungen ebenso wie gegenüber ökologischen Katastrophen, die Stifter immer wieder ausführlich schildert.