Highlight Video

Daniel Léveillé Danse (Montréal): «Amour, Acide et Noix» (2001)
Werkeinführung: So, 6. November, 18:30 Uhr.

DDer nackte Körper als Ausdruck entblösster Menschlichkeit – seit 2001 tourt Daniel Léveillé mit seinem Stück „Amour, acide et noix“ durch die Welt. Vier Tänzer lassen alle Hüllen fallen und vollführen ihre einsamen, schmerzlich-schönen Soli zu Musik von Vivaldi, Rammstein und Led Zeppelin. Ihr Bloss-Sein will Verletzlichkeit darstellen – ein Stück, das unter die Haut geht. In jedem Sinn des Wortes.Im Jahre 2001 machte sich Daniel Léveillé auf eine Wahrheitssuche der besonderen Art. Im nackten Körper glaubte er eine unverbaute Ehrlichkeit zu finden, welche auf direktem Weg von der Conditio humana spricht. Er schickte drei Tänzer und eine Tänzerin auf die Reise – und das Stück „Amour, acide et noix“ wurde zum Klassiker der zeitgenössischen frankokanadischen Tanzes und erlebte vor einem Jahr im Rahmen des Londoner Festivals Dance Umbrella die 100. Aufführung. 2004 folgte ihm „La pudeur des icebergs“ und 2007 „Crépuscule des océans“. Die ganze Trilogie wurde an der Biennale Danza 2010 in Venedig erstmals gezeigt. In allen drei Stücken steht der nackte Körper im Mittelpunkt, nicht als Gegenstand einer Untersuchung, wie dies in den letzten fünfzehn Jahren in der internationalen Szene gang und gäbe war, auch nicht als Kunstmittel oder Skulptur, sondern als Medium: als unmittelbarer Ausdruck von Menschlichkeit. Der Choreograf schreibt dazu in einer Botschaft: «Zum Gedenken an meinen Vater. Vier Körper, die dem Tanz übergeben sind, enthüllen, was hinter der fremden, weissen Haut Zuflucht gefunden hat: Muskel, Wasser, Atem, Energie, einen Ausblick aufs Leben, so lebendig und im Bewusstsein des anderen, trotz oder vielleicht gerade wegen des Bedürfnisses, nicht ganz allein zu sein. «Amour, acide et noix» spricht von Einsamkeit, aber auch und insbesondere von der unendlichen Zartheit der Berührung, der Härte des Lebens und dem Begehren, diesen oft so schweren Körper zu umgehen oder zu verlassen. «Amour, acide et noix» präsentiert Nacktheit als die einzige wahre Alternative zu den Lesarten des Körpers, frank und frei, ohne falsche Bescheidenheit. Ist nicht die Haut das wahre Kostüm des Körpers?»Die vier nackten Tänzer in «Amour, acide et noix» laden nicht zum Hinschauen ein, sie fordern dazu auf. Sie marschieren in der Gruppe nach vorn an den Bühnenraum und starren ins Publikum. Das Stück besteht aus vielen Soli und einigen Begegnungen. Die Bewegungen sind abrupt, in minimalistischem Vokabular gehalten – und nicht wirklich graziös zu nennen: Die Tänzer springen, und landen schwerfällig, aber auf den Füssen; sie drehen sich, und finden gerade noch rechtzeitig aus den wuchtigen Pirouetten hinaus; sie wenden sich, und bieten dem Publikum den Hintern dar. Und dies zu Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Auch Led Zeppelin und Rammstein geben in diesem harschen Tanz den Ton an. Doch es ist gerade die Reibung zwischen barocker Musik und den bloss gelegten, in Hunderten von Trainingsstunden gestählten Körpern, welche die eigenartige Schönheit des Stücks ausmacht. Der kanadische Tänzer, Choreograf und Tanzpädagoge Daniel Léveillé wurde 1952 in Sainte-Rosalie, Quebec geboren. 1977 gab er sein Architekturstudium für sein Tanztraining auf, und bereits 1978 schuf er sein erstes Stück. 1981 gründete er seine eigene Kompanie: Daniel Léveillé Chorégraphe Indépendant. Später ging unter Ginette Laurin daraus die Kompanie O Vertigo hervor, die auch hierzulande keine Unbekannte ist. Daniel Léveillé schuf Stücke für verschiedene zeitgenössische Truppen, bevor er 1991 Daniel Léveillé Danse gründete. FQuatre corps donnés à la danse révèlent ce qui se love derrière la peau étrangement blanche: le muscle, l’eau, le souffle, l’énergie, un état d’être à la vie, terriblement vivant et attentif à l’autre, malgré tout ou à cause du besoin de n’être pas complètement seul. Amour, acide et noix dit la solitude, mais aussi et surtout l’infinie tendresse du toucher, la dureté de la vie et le désir d’élévation ou d’évasion de ce corps parfois si lourd. Amour, acide et noix offre la nudité comme seule alternative à une lecture du corps, sans fard, ni fausse pudeur. La peau n’est-elle pas le véritable costume du corps?EFour naked bodies express an uncompromising purity. As they dance, they reveal all that hides beneath what the choreographer calls “the strange, white skin” – muscle, breath, energy and perspective. Alive, aware of each other and anxious not to be alone, and at the same time desperate to escape one another, the dancers move on an unadorned stage in a context of total simplicity, to illustrate the infinite tenderness and harshness of touch. This work is the second in a triptych that began with Utopie in 1998. It is a radical hymn to the beauty and fragility of life, dedicated to the memory of the choreographer’s father.